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Echter Klimaschutz braucht Artenforschung!

Wenn wir täglich von Klimawandel und Klimaschutz hören, geht es meist nur um Treibhausgase, Temperatursteigerung, schmelzendes Eis und langsam aber sicher steigende Ozeane. Die Natur, die Lebewesen, unsere akut gefährdeten Lebensgrundlagen bleiben in physikalisch und ökonomisch geprägten Debatten außen vor. Das ist unklug und viel zu kurz gedacht, pointiert der aktuelle Warnruf des Artenforschers Prof. Dr. Michael Schrödl (SNSB-ZSM): Denn die Klima-Zeitbombe hat biologische Zünder. Wir müssen das Klima, die Natur und die Menschen gemeinsam schützen, und zwar sofort, wenn wir eine Zukunft für uns und unsere Kinder wollen!

Bericht (ab Seite 14) in der aktuellen “MUM”, der Uni-Zeitung der LMU München

Was haben Klimaschutz und Artensterben miteinander zu tun?

Das soeben in der zoologischen Zeitschrift „Spixiana“ erschienene Editorial „A scientists warning: stop neglecting biodiversity in climate change!” zeigt auf, wie sensibel Lebewesen, Arten und Ökosysteme auf den Klimawandel reagieren. Wie sterbende Bäume, brennende Wälder, bleichende Korallenriffe den Klimawandel beschleunigen. Und wie schnell und endgültig Ökosysteme samt ihren für uns lebenswichtigen Leistungen wie Wasser und Nahrung kippen und verschwinden können – jetzt schon, bei nur etwa 1°C globaler Temperaturerhöhung.

Overshoot tut uns nicht gut!

Dürresommer 2018: Tote Großmuscheln

Sollte die Menschheit auch nur annähernd so weitermachen wie bisher, könnten wir laut einer Studie von Xu et al. (2018) schon in zehn Jahren (im Jahr 2030) den laut Weltklimarat kritischen Temperaturanstieg von 1,5°C erreicht haben. Selbst die optimistischen Szenarien für die Reduktion globaler Treibhausgasemissionen gehen davon aus, dass diese 1,5°C dann für einige Jahrzehnte überschritten werden – ein allgemein akzeptierter „overshoot“, der vermutlich die tropischen Regenwälder und Korallenriffe samt der Mehrzahl der dort ansässigen Arten und höheren Lebewesen auslöschen dürfte. Massensterben, Mangel an Wasser und Nahrungsmitteln, Ressourcenkriege, Seuchen, Völkerwanderungen, Wirtschaftskrisen, milliardenfache Not: ob die Zivilisation solche Erschütterungen überstehen wird? Das globale Artensterben samt Ursachen und Folgen wird auch und gerade im Zuge der Klimakrise sträflichst unterschätzt!

Give trees a chance!

Andererseits böten biologisch vielfältige, gesunde, humusreiche Böden, intakte oder renaturierte Moore und artenreiche Wälder mit alten Bäumen enorme Chancen, den „overshoot“ und damit den „overkill“ verhindern zu helfen und Treibhausgase langfristig zu binden. Durch ökologische Landwirtschaft und naturnahe Wiederbewaldung insbesondere der (Sub)Tropen ließen sich rasch gigantische Mengen CO2 aus der Atmosphäre saugen, artenreiche Ökosysteme stabilisieren und nachhaltige Nutzungsmöglichkeiten schaffen. Existenzen für Hunderte Millionen, wenn nicht Milliarden armer Menschen. Emissionen senken, Lebensräume schützen und renaturieren, Menschen sinnvoll einbinden: Dies wäre wirksamer „Echter Klimaschutz“, und genau dafür sollten wir massive Mittel verwenden.
Das Klima, die Natur und die Menschheit können und müssen wir gemeinsam retten. Ansonsten drohe „unsägliches Leid“, warnt Schrödl als einer von 11.263 WissenschaftlerInnen aus 153 Ländern (Ripple et al. 2019). Die AutorInnen halten es für ihre Pflicht, die Menschheit in Klartext vor Katastrophen zu warnen und Auswege aus dem Klimanotstand aufzuzeigen. So fordern sie insbesondere eine rasche Transformation von fossilen zu erneuerbaren Energieträgern, weniger Emissionen von Methan und anderen kurzlebigen Schadstoffen, eine Umstellung auf weitgehend pflanzliche Ernährung samt Ende der Nahrungsmittelverschwendung, ein nachhaltiges Wirtschaftssystem mit mehr Verteilungs- und Gendergerechtigkeit, Menschenrechten und Bildung als Basis für weniger Bevölkerungszuwachs, sowie den Schutz der Natur und die Stärkung von Ökosystemen als CO2-Senken.

Wirksamer Schutz braucht Forschung – und die braucht Geld!

Klimaschutz braucht Klimaforschung, das ist uns allen klar. Und Artenschutz braucht Artenforschung! Letzteres findet aber so gut wie nicht statt. Artenanzahl weltweit? Wir wissen es nicht einmal annähernd. Wir kennen etwa 1,5 Millionen Tierarten, aber Schätzungen reichen von 2 bis 100 Millionen! Und welche und wie viele Arten gehen gerade im 6. Massensterben verloren? Auch das wissen wir nicht. Dieser Grad an Unkenntnis ist nicht nur erschreckend, er ist gefährlich: Wir müssen endlich herausfinden, wie viele und welche Arten es wo gibt, und was sie dort in den Ökosystemen tun. Wir brauchen endlich Arteninventuren, in Städten, Ländern, weltweit, um den Status Quo und dessen Veränderungen feststellen zu können. Um die biologische Verarmung belegen und den Kollaps lebenswichtiger Ökosysteme mit geeigneten Maßnahmen aufhalten zu können. Da die nötigen Millionen und Milliarden an Fördermitteln für moderne Profi-Artenforschung bisher nicht fließen, hat Michael Schrödl die vielleicht (?) weltweit erste gemeinnützige „Artenvielfaltsforschungsfirma“ gegründet: Spenden sind willkommen!

Publikationen:

Schrödl, M. A scientists warning: stop neglecting biodiversity in climate change! Spixiana 42: 1-5. https://scientistswarning.forestry.oregonstate.edu/sites/sw/files/Schr%C%B6dlSpixiana2019.pdf

RIPPLE, W, J., WOLF, C., NEWSOME, T.M., BARNARD, P., MOOMAW, W.R., and 11.258 scientist signatories from 153 countries. 2019. World Scientists’ Warning of a Climate Emergency. BioScience biz88: 1-5. https://scientistswarning.forestry.oregonstate.edu/sites/sw/files/Ripple2019_Bioscience.pdf

Xu, Y., Ramanathan, V. & Victor, D. 2018. Global warming will happen faster than we think. Nature 564: 30-33.