Category Archives: Mollusca

Rätsel um „Top 10 Schnecke“ geklärt

Die wurmförmige, nach einer thailändischen Gottheit benannte Nackt-Schnecke Aiteng ater Swennen & Buatip, 2009 hat es als „bug eating slug“ in die Liste der “Top 10 der bizarren, neuen Arten 2010“ (International Institute for Species Exploration at Arizona State University) geschafft. Die Originalbeschreibung charakterisiert den amphibisch lebenden, insektivoren Mangrovenbewohner durch einen ungewöhnlichen Mix aus Merkmalen, die teils für Sacoglossa (Sackzüngler) und teils für Acochlidia typisch sind. Mithilfe computergestützter 3D-Mikroanatomie konnten wir die anfangs vermutete Affinität zu den Sacoglossa widerlegen, und eine Vielzahl von Acochlidien-typischen Merkmalen aufzeigen.

Aiteng mysticus from Japan; photograph by Hiroshi Fukuda

 

Zusätzlich beschrieben wir “himitsu namekuji“, eine “geheimnisvolle Nacktschnecke“ aus der Gezeitenzone in Japan, als neue Art Aiteng mysticus (s. Neusser et al., 2011). Unsere molekularen Analysen stützen die morphologischen Ergebnisse und stellen die Aitengidae in die Acochlidien-Verwandtschaft. Unterschiede in der äußeren Morphologie (z.B. völlige Abwesenheit von Kopftentakeln) und der Anatomie lassen sich mit dem Habitatwechsel erklären, den die amphibisch lebenden Aitengidae aus den ansonsten strikt aquatischen Acochlidia heraus vollzogen. Durch den integrativen Forschungsansatz wurde aus einer mysteriösen “Top 10 Schnecke“ ein schönes Beispiel für die Evolution im Tierreich.

Neusser TP, Fukuda H, Jörger KM, Kano Y & Schrödl M 2011. Sacoglossa or Acochlidia? 3D reconstruction, molecular phylogeny and evolution of Aitengidae (Gastropoda: Heterobranchia). Journal of Molluscan Studies 77: 332-350.

Swennen C and Buatip S 2009. Aiteng ater, new genus, new species, an amphibious and insectivorous sea slug that is difficult to classify [Mollusca: Gastropoda: Opisthobranchia: Sacoglossa(?): Aitengidae, new family]. The Raffles Bulletin of Zoology 57(2):495-500.

„Bye bye Opisthobranchia“ (und auch gleich „Bye bye Pulmonata“)

ZSM-Forscher und Kollegen präsentieren Hypothesen zur Verwandtschaft von euthyneuren Land- und Meeresschnecken, die traditionelles Lehrbuchwissen obsolet erscheinen lassen.

Seit über 100 Jahren wurden die oft bunten und bizarr geformten „Meeres-Nacktschnecken“ (Hinterkiemer, Opisthobranchia; ca 5000 Arten) einträchtig neben die meist kontinentalen Lungenschnecken (Pulmonata; ca 35000 Arten) gestellt. Als Unterklasse Euthyneura galten die ungleichen Schwestern als Kronen der Gastropoden- Evolution. Schalenträger und Nackedeis gibt’s jedoch hüben und drüben, und Ausnahmen von allen sonstigen morphologischen und ökologischen „Regeln“ auch. Zweifel an der sauberen Zweiteilung der höheren Schneckenwelt äußerten bereits morphologische Studien (z.B. Haszprunar, 1985). Doch erst molekulargenetische Arbeiten brachten das Ausmaß möglicher Fehleinschätzungen ans Licht (z.B. Jörger et al. 2010). Weder Opisthobranchia noch Pulmonata resultieren monophyletisch. So sind marine Sacoglossa (Sackzüngler) oder mesopsammische Acochlidia wohl näher mit den Weg- oder Weinbergschnecken unserer Gärten verwandt als etwa mit den echten Meeres-Nacktschnecken (Nudibranchia) oder den Seehasen. Die Verwandtschaftshypothesen der Euthyneura wurden revolutioniert und eine Neuklassifizierung war nötig (Jörger et al 2010; http://en.wikipedia.org/wiki/Euthyneura).

Auch die frühe Evolution der ca. 40.000 bereits bekannten Arten verlief wohl anders als gedacht – und viel komplexer (Schrödl et al. 2011). Wir beginnen gerade, die Naturgeschichte dieser vielgestaltigen und allgegenwärtigen, schon zu Zeiten der Dinosaurier diversifizierenden „Schneckerl“ neu zu verstehen.

Der „Neue Euthyneura-Stammbaum“, basierend auf Jörger et al. 2010

Literatur

HASZPRUNAR, G. 1985. The Heterobranchia – a new concept of the phylogeny of the higher Gastropoda. Zeitschrift für zoologische Systematik und Evolutionsforschung, 23: 15-37.

JÖRGER, K. M., STÖGER, I., KANO, Y., FUKUDA, H., KNEBELSBERGER, T. & M. SCHRÖDL. 2010. On the origin of Acochlidia and other enigmatic euthyneuran gastropods and implications for the systematics of Heterobranchia. BMC Evolutionary Biology 10: 323. doi:10.1186/1471-2148-10-323

SCHRÖDL, M., JÖRGER, K., KLUSSMANN-KOLB, A. & N.G. WILSON. 2011. Bye bye “Opisthobranchia”! A review on the contribution of mesopsammic sea slugs to euthyneuran systematics. Thalassas 27: 101-112.

Neues von den „Urmollusken“

Kürzlich wurde das Projekt „Phylogenie und Evolution von Monoplacophoren und basalen Mollusken“ im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogrammes „Deep Metazoan Phylogeny) bewilligt. An der Sektion Mollusca der ZSM werden nun die seltenen, als „Lebende Fossilien“ berühmten Monoplacophoren morphologisch und insbesondere molekular erforscht werden. Neue Sequenzdaten, u.a. zur antarktischen Tiefseeart Laevipilina antarctica (Foto), sowie von Vertretern anderer ursprünglicher Weichtiergruppen, sollen den Schlüssel zum Verständnis des Stammbaumes der Mollusken liefern. Denn die Verwandtschaftsbeziehungen und die frühe Evolution des mit ca. 100.000 bekannten Arten zweitgrößten Tierstammes sind, entgegen der vereinfachten oder gar falschen Darstellung in Lehrbüchern, weitgehend ungeklärt. Insbesondere unsere anhand erster molekularer Daten aufgestellte „Serialia“-Hypothese einer nahen Verwandtschaft von Mono- und Polyplacophoren (Chitonen) (s. Giribet et al., 2006) ist in Fachkreisen heftig umstritten.

Laevipilina antarcticaMonoplacophoren (Tryblidia), wie diese mit ca 2 mm winzige lebende Laevipilina antarctica (Ventralansicht; Bild Dr. Michael Schrödl, an Bord der FS Polarstern, ANDEEP SYSTCO-Expedition) gehören zu den letzten „Klassen“ im Tierreich mit minimalen verfügbaren Sequenzdaten – und damit zu den von Systematikern am meisten begehrten Tieren überhaupt.

Two pairs of protonephridial organs in aplacophoran development

bild_weblog-ruthensteiner1In the course of a DAAD funded research stay of Dr. Christiane Todt (University of Bergen, Norway) the development of excretory organs of a “worm mollusc” (Solenogastres) was investigated at the ZSM. These exclusively marine animals are believed to represent the most primitive molluscs and thus they might exhibit archetypical features during development. As has been suspected earlier by the research group B. Ruthensteiner/G. Haszprunar/N. Baeumler (in the course of a DFG-project currently comparing the development of excretory systems of several molluscan clades), there are two pairs of protonephridia appearing successively during larval development, with the posterior one possibly involved in formation of the adult renopericardial system. These new findings differ fundamentally from what was previously assumed and they shed a new light on mollusk evolution.

Two pairs of protonephridial organs in aplacophoran development

bild_weblog-ruthensteiner1In the course of a DAAD funded research stay of Dr. Christiane Todt (University of Bergen, Norway) the development of excretory organs of a “worm mollusc” (Solenogastres) was investigated at the ZSM. These exclusively marine animals are believed to represent the most primitive molluscs and thus they might exhibit archetypical features during development. As has been suspected earlier by the research group B. Ruthensteiner/G. Haszprunar/N. Baeumler (in the course of a DFG-project currently comparing the development of excretory systems of several molluscan clades), there are two pairs of protonephridia appearing successively during larval development, with the posterior one possibly involved in formation of the adult renopericardial system. These new findings differ fundamentally from what was previously assumed and they shed a new light on mollusk evolution.