Category Archives: Mollusca

Buch-Neuerscheinung „BiodiversiTOT “

Die Artenforscher Prof. Dr. Michael Schrödl (SNSB – Zoologische Staatssammlung München) und Dr. Vreni Häussermann (Biologische Forschungsstation Huinay, Chile) rufen in ihrem leicht verständlichen und aufrüttelnden Werk dazu auf, die globale Artenvielfalt endlich konsequent und rasch zu erfassen. Solange es sie noch gibt.

Insektensterben! Korallenbleiche! Überfischung! Das sind nur einige Spitzen eines Eisberges: Das 6. große Artensterben ist in vollem Gang. Wir Menschen spielen Killer-Asteroid mit unserem einzigen Planeten, insbesondere mit dem darauf in über 3 Milliarden Jahren evolvierten Leben. Erst der katastrophale Verlust an Lebewesen und an genetischer Vielfalt, dann an Arten: Keine andere der weithin anerkannten „planetarischen Grenzen“ wird rasanter überschritten, keine andere ist irreversibel – und keine andere wird dermaßen leichtfertig unterschätzt oder gar völlig ignoriert. Von der Öffentlichkeit, der Politik und leider auch der Wissenschaft.

Angeblich „Wissende bzw. Weise Menschen“, Homo sapiens, zerstören riesige Lebensräume, vergiften die Umwelt, versauern die Meere, heizen den Planeten auf, immer mehr und immer schneller. Ökologisch ein Wahnsinn, schließlich zerstören wir mit den Organismen und biologischen Systemen unsere eigene Lebensgrundlage – und ökonomisch auch: Auf mindestens 5 Billionen Dollar pro Jahr (!) wird der wirtschaftliche Schaden durch Verluste an der Artenvielfalt geschätzt! Unschätzbar ist der ideelle Wert der belebten Natur als Quelle von Erholung, Freude und Gesundheit. Dabei kennen wir wohl noch nicht einmal 20% aller Tierarten: Millionen von unbekannten Tierarten gibt es noch zu entdecken und zu beschreiben! Doch dafür gibt es weder genügend Stellen noch Forschungsmittel.

Das muss sich nach Meinung der Autoren schleunigst ändern: „Ziehen wir die Reißleine! Erforschen wir die Millionen neuer Arten! Geben wir ihnen Namen, Gesichter und Geschichten! Erkennen wir ihren Nutzen, holen wir sie aus ihrer scheinbaren Belanglosigkeit und machen wir sie für alle schützenswert! Lassen wir uns von einer echten Menschheitsaufgabe, der gemeinsamen Inventur aller Tierarten, inspirieren! Geben wir den zuständigen Museumswissenschaftlern, den Taxonomen, endlich die für ihre Arbeit nötigen Mittel!“. Und ja, wir alle müssen unsere Sichtweise und unser tägliches Verhalten schleunigst hin zu mehr Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit ändern, damit aus Biodiversität nicht BiodiversiTOT wird!

Ein Euro pro Buch (336 Seiten; ISBN 978-3-7448-6827-3) geht als Spende an Nachwuchswissenschaftler. Nähere Informationen auf www.biodiversitot.de

Tiefseemonsterschnecken: Neue Art, neue Gattung, neue Familie!

In der Straße von Mozambik entdeckten Tiefseeforscher zwei seltsame Meeresnacktschnecken. Weil nicht einmal die Experten wussten, zu welcher Tiergruppe die beiden spannenden Exemplare gehören könnten, trugen sie zunächst den Decknamen „Monster“. Erst unsere molekularen und mikroanatomischen Untersuchungen entlarvten die enigmatischen Schnecken eindeutig als Vertreter der Acochlidia (Gastropoda: Heterobranchia). Diese sind eigentlich winzige Bewohner der marinen Sandlückenfauna, aber einige Arten kolonialisierten darüber hinaus das Süßwasser, und Arten der Familie Aitengidae leben amphibisch in der Spritzwasserzone oder eroberten sogar das Land (siehe ZSM Collection Blog vom 14.03.2016).

Unser Tiefsee”monster” Bathyhedyle boucheti: Lebendes Tier, anatomisches 3D Modell und molekularphylogenetische Analyse.

Die nur knapp 1cm kleinen, feinen Tiefseemönsterchen repräsentieren nicht nur eine neue Art, wir nannten sie Bathyhedyle boucheti, sondern auch eine neue Gattung und sogar eine bis dato unbekannte Familie. Diese neu entdeckte Evolutionslinie ist wirklich etwas ganz Besonderes: Sie enthält den ersten marin-benthischen Acochlid, den ersten Acochlid aus der Tiefsee, und die erste und bisher einzige dokumentierte Tiefseenacktschnecke innerhalb der Panpulmonata.

Wer sind nun die nächsten Verwandten unserer Bathyhedylidae aus den Tiefen des Ozeans? Nein, keine anderen Meerestiere, sondern ausgerechnet die (semi)terrestrischen Aitengidae, also die Acochlidien, die das Meer weitgehend verlassen haben.

Schwesterngruppenverhältnisse zwischen Flachwasser- und Tiefseearten sind aus einigen Invertebratengruppen, etwa Krustentieren oder Stachelhäutern, bekannt. Schwestern in der Tiefsee und mit amphibisch-terrestrischer Lebensweise gab es bisher nicht. Ob wir wohl noch Bindeglieder, missing links in anderen Ozeanen finden? Die Tiefsee hält sicher noch so einiges an Geheimnissen für uns Schneckenforscher parat – nicht nur neue Arten, sondern auch komplett neue Linien der Gastropodenfauna.

Neusser TP, Jörger KM, Lodde-Bensch E, Strong EE & Schrödl M (2016). The unique deep sea—land connection: interactive 3D visualization and molecular phylogeny of Bathyhedyle boucheti n. sp. (Bathyhedylidae n. fam.)—the first panpulmonate slug from bathyal zones. PeerJ 4:e2738; DOI 10.7717/peerj.2738. (https://peerj.com/articles/2738/)

Timea Neusser & Michael Schrödl, ZSM & LMU

James Cameron gratuliert Vreni Häussermann – ZSM alumna – zum Rolex Award

„Oh wow, your friend is among the finalists!“ begeisterte sich mein Taxifahrer, als wir uns durch den Los Angeles Nachmittagsstau vom Flughafen in Richtung Hollywood bemühten. „You must be very proud!“ Recht hat er: Der Rolex Award for Enterprise wird als „lebensverändernder Preis“ gesehen. Nicht nur, weil er mit 100.000 Schweizer Franken Projektgeld ordentlich dotiert ist. Insbesondere löst er ein weltweites Presseecho aus, garantiert Zugang zu den richtigen Kreisen im philanthropischen Rolex-Network und natürlich lernt man auch viele gleich gesinnte Idealisten kennen. „I hope she wins!“ rief mir mein Taxifahrer hinterher, als ich die Stufen zum Dolby Theatre in Hollywood hochging.

The Rolex Award goes to Vreni Häussermann! Festliche Preisverleihung im Dolby Theatre, “Home of the Oscars”. Photo: Rolex.

„Anyone can change everything“, das war das Motto der diesjährigen Rolex-Awards-Verleihung. Zum 40jährigen Jubiläum dieses Preises für Leute, die die Welt besser machen, fand ein großes Spektakel im „Home of the Oscars“ statt.

James Cameron (‚Avatar’) hielt die Festrede. Photo: Rolex.

James Cameron (‚Avatar’) hielt die Festrede. Photo: Rolex.

Ich hatte mir extra einen neuen schwarzen Anzug gekauft und war live dabei: Hunderte geladene Gäste, ein Orchester, inspirierende Ansprachen von Bertrand Gros, Chef von Rolex, und von James Cameron, Macher von ‘Avatar’ und waghalsigem U-Bootfahrer zum tiefsten Punkt des Ozeans… Feste feiern können sie in Hollywood!

„Her Deepness“ Sylvia Earle bei der Preisverleihung. Photo: Rolex.

„Her Deepness“ Sylvia Earle bei der Preisverleihung. Photo: Rolex.

Die 5 Preisgewinner wurden samt ihrer Bewerbungs-videos von verschiedenen Hollywood-Größen präsentiert. Ein Highlight war der Auftritt von Sylvia Earle, einer älteren Lady, die als Meeresforscherin wohl fast so viele Stunden unter wie über Wasser verbracht hat, und deshalb „Her Deepness“ genannt wird.

Sie verlieh den Award für „Protection“ an die Peruanerin Kerstin Forsberg, für den Schutz von Mantas im Norden von Peru. Wie sich herausstellte, half ihr bei den Unterwasseraufnahmen mein alter Freund Yuri Hooker, Meeresbiologe aus Lima; seit etlichen Jahren bearbeiten wir gemeinsam die Meeresnacktschnecken Perus. Que chico el mundo! (Die Welt ist klein…)

 Echte Heldinnen und Helden gibt’s nicht nur auf Pandora: Alle Preisträger 2016: Sonam Wangchuck (Wasser für die Wüste in Ladakh), Kerstin Forsberg (Mantaschutz in Peru), Andrew Bastawrous (bekämpft Augenkrankheiten in Afrika), Rolex Chef Bertrand Gros, Vreni Häussermann (erforscht und schützt die wilde Unterwasserwelt Patagoniens), Conor Walsh (entwickelt technische Gehlernhilfen). Photo: Rolex.

Echte Heldinnen und Helden gibt’s nicht nur auf Pandora: Alle Preisträger 2016: Sonam Wangchuck (Wasser für die Wüste in Ladakh), Kerstin Forsberg (Mantaschutz in Peru), Andrew Bastawrous (bekämpft Augenkrankheiten in Afrika), Rolex Chef Bertrand Gros, Vreni Häussermann (erforscht und schützt die wilde Unterwasserwelt Patagoniens), Conor Walsh (entwickelt technische Gehlernhilfen). Photo: Rolex.

Preisträgerin, Forscherin und Fjordschützerin Dr. Vreni Häussermann. Photo: Rolex.

Preisträgerin, Forscherin und Fjordschützerin Dr. Vreni Häussermann. Photo: Rolex.

Nach dem R.J.H. Hintelmann-Preis der ZSM (2005) und dem Pew Conservation Award (2011) erhielt „unsere“ Vreni am 15.11.2016 nun also auch den Rolex Award (für „Exploration“). Mangels Oscars oder Nobelpreisen für Biologie ist das wohl die höchstmögliche Auszeichnung für Freilandbiologen wie Vreni und ihr Team. Möge der Preis Vrenis Forschungen in Südchile vorantreiben und die ewigen Nörgler, Neider, Problememacher und Wadlbeißer verstummen lassen!

James Cameron und Sylvia Earle jedenfalls wollen Vreni in ihrer Forschungsstation in Huinay besuchen kommen. Sylvia bezeichnet Vrenis Revier im Comau-Fjord in Chilenisch-Patagonien als „Hope-Spot“. Denn sie hofft, dass die wunderbare Kaltwasser-Korallenwelt hier überleben wird. Gegen die Interessen der Lachszüchter, weil Vreni und ihr Team sich kraftvoll und lautstark um den Schutz der Fjorde und ihrer Lebewesen kümmern. Ich hoffe das auch. „Her Fjordness“ Vreni wirds schon richten! Und die Arthropoda Varia – und Molluskensektionen der ZSM helfen gerne mit.

Patagonische Unterwasserwelt. Photo Rolex, Häussermann / Försterra

Patagonische Unterwasserwelt. Photo Rolex, Häussermann / Försterra

Vreni Häussermann mit dem Rolex Award for Enterprise 2016 ausgezeichnet

Für ihr Projekt „Patagonia’s Wild Depths“ ist Dr. Vreni Häusermann von der Huinay Scientific Field Station (http://www.huinay.cl) in Chile für ihre jahrzehntelange Arbeit über Biodiversität und Schutz der Chilenischen Fjorde  mit dem renommierten Rolex Award of Enterprise ausgezeichnet worden.

Vreni ist langjährige Kooperationspartnerin der Sektionen Mollusca und Arthropoda varia der ZSM, sowie ehemalige Studentin und Doktorantin der LMU München, und daher freuen wir uns ganz besonders mit Vreni und gratulieren zu dieser wunderbaren Auszeichnung!

Vreni Häussermann hat für die Biodiversitätsforschung und den Schutz der Chilenischen Fjorde Großartiges erreicht. Wenn man sich ihre Arbeitsleistung anschaut, scheint es einem so, als sei ein weiblicher Herkules am Werk. Wir nennen hier nur die Meilensteine: Inzwischen sind fast 30 Huinay-Expeditionen organisiert und durchgeführt; an die 300 Gebiete zwischen Puerto Montt und Cap Horn wurden minimal-invasiv untersucht, dabei wurden diverse neue Arten und Lebensgemeinschaften entdeckt, über die man sich in inzwischen etwa 150 wissenschaftlichen „Huinay“-Veröffentlichungen informieren kann; dazu noch das 1000-seitiges Standardwerk „Marine Benthic Fauna of Chilean Patagonia“, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Günter Försterra und ihrem internationalen Team herausgegeben hat. War’s das? Nein, denn tausende von Artnachweisen, die auf den Expeditionen erbracht wurden,  werden in statistischen Analysen aufgearbeitet, um perfekt positionierte Meeresschutzgebiete ausweisen zu können, derer die Chilenischen Fjorde so dringend bedürfen.

Vreni, das ist einfach Spitze!

Michi Schrödl und Roland Melzer

Ringipleura – unsere neueste „Meeresnacktschnecken-Revolution“

Wer hätte geahnt, dass dick beschalte Ringiculidae die nächsten Verwandten der oft hübsch bunten Meeres-Nacktschnecken (Nudipleura) sind? Niemand! Ganz ehrlich, wir auch nicht. Doch molekulare Stammbäume und auch mikroanatomische Befunde lassen kaum Zweifel: Siehe www.nature.com/articles/srep30908 (open access).

Ringipleura

Alles Ringipleura: Links eine beschalte Ringiculidae, mittig zwei Nudibranchier, rechts ein Pleurobranchidae (aus Kano et al., 2016)

Soeben in Scientific Reports erschienen ist das wohl das Paper, das uns, dem japanisch-australisch-münchnerische Autorenteam, die letzten Monate über am meisten Spaß gemacht hat. Skurril ist das Ergebnis, unerwartet, vermutlich Lehrbuch-verändernd. Und spannend in den Auswirkungen, was die Evolution der Schnecken angeht – das ungleiche Schwesternpaar hat sich wohl aufgrund von Anpassungen an unterschiedliche Lebensräume mehr als 200 Millionen Jahre lang auseinander gelebt… Aber auch mit Konsequenzen, was den Fossilbefund der Schalen angeht: Hatten mesozoische Vorfahren der Meeres-Nacktschnecken noch eine Schale? Wie sah sie aus? Zu welchen Stammeslinien gehören die Unmengen an Ringicula-ähnlichen fossilen Schalen wirklich?

Ein Traum vieler Biologiestudenten ist es ja, irgendwann mal eine schöne neue Art der Meeres-Nacktschnecken zu entdecken und ihr einen Namen zu geben. Unser Traum war es, den Ursprung aller Nudipleura zu erforschen und aufzuklären. Die neue gemeinsame Gruppe mit den Ringiculida haben wir Ringipleura getauft, ein neues Taxon im Tierreich zwischen Klasse und Ordnung. So was finden auch gestandene Biologen nicht alle Tage.

Michael Schrödl, ZSM, Mollusca

KANO, Y., BRENZINGER, B., NÜTZEL, A., WILSON, N.G. & SCHRÖDL, M. 2016. Ringiculid bubble snails recovered as the sister group to sea slugs (Nudipleura). Scientific Reports 6: 30908.

Da geht was, in der Münchner Malakologie!

Vortragspreise, erfolgreiches Spendensystem, neues Buch gegen Schneckenplage …

Kürzlich hielt ich einen Vortrag über die neue Systematik von Heterobranchier-Schnecken vor der Malacological Society of London, der vermutlich ältesten Fachgesellschaft zur Erforschung der Weichtiere der Welt. Die Kollegen dort waren sichtlich beeindruckt, wie produktiv wir Münchener Molluskenforscher an der ZSM, am Biozentrum der LMU und auch in der Paläontologie in den letzten Jahren waren. Was mich sehr gefreut hat. Denn, wie andere Kollegen auch, kompensieren wir mit enormem Enthusiasmus, persönlichem Einsatz und Kreativität die schwierigen personellen und finanziellen Rahmenbedingungen, so gut es eben geht.

Im Bereich Mollusca ist jedoch auch außerhalb von Forschungen und Veröffentlichungen zu viel Erfreuliches passiert, um es nicht kurz zusammenzufassen:

Preise: Nicht weniger als drei Doktoranden und Doktorandinnen aus dem „Journal & Coaching Club“ der Molluskensektion gewannen erste Vortragspreise auf internationalen Konferenzen. Dazu kam noch ein Posterpreis. Ich gratuliere nochmals sehr herzlich:Pete

Dipl. Biol. Pete(r) Kohnert. 1. Preis für den Vortrag “North vs. South: Who exactly is Limacina helicina? (Gastropoda, Euopisthobranchia, Pteropoda, Thecosomata)” von Kohnert P, Laibl C, Schrödl M auf dem Meeting “Planktic gastropods: biology, ecology and palaeontology” der Malacological Society of London und des Marine Institute at Plymouth University in London, April 2015.

Dipl. Biol. Basti(an) Brenzinger. 1. Preis für den bestenBasti studentischen Vortrag „Shells versus sequences? Origin of the ‚architectibranch’ Ringiculidae“ von Brenzinger B, Schrödl M, Nützel A, Wilson NG, Kano Y auf dem 5th International Workshop on Opisthobranchia ICBAS-UP, in Porto, Juli 2015.

Bsc. Anja Biging erhielt auf dem selben Meeting den ersten Preis für ihr Poster “Island hopping along the Indo-Pacific Archipelago – Molecular species delineation and biogeography in the freshwater slug Acochlidium (Acochlidia, Heterobranchia)” von Biging A, Brenzinger B, Neusser TP, Schrödl M, Jörger KM.

Msc. Franzi(ska) Bergmeier (AG Jörger / Haszprunar) erhieltFolie11 den “Frontiers in Marine Science Award” auf dem 14th Deep Sea Biology Symposium in Aveiro, Portugal, August to September 2015 für ihren Vortrag „Disparate curiosities: an integrative approach to the diversity of abyssal Solenogastres in the Kuril-Kamchatka region“ von Bergmeier F, Schwabe E, Brandt A, Jörger KM. Ein großartiger Erfolg auf einem Meeting mit mehreren Hundert Teilnehmern aus aller Welt!

 

Spendensystem: Das im November 2015 veröffentlichte medizinisch-mentale Büchlein „Schluss mit Schnupfen“ (Schrödl & Meidert, BoD) hat auf den ersten Blick zwar wenig mit Mollusken zu tun. Doch startete es eine Serie von allgemein nützlichen Büchern, deren Erlös teilweise den Nachwuchswissenschaftlern der ZSM und auch der Molluskensektion zu Gute kommen soll. Die ersten 1000 Euro Spendenanteil konnte ich bereits an die Freunde der ZSM e.V. überweisen.

Salatschneck

www.nacktschneckenplage.de

Das neue Buch „Schneckenplage muss nicht sein“ (Schrödl, BoD) erschien soeben, gerade rechtzeitig zur Gartensaison. Das Wegschneckenproblem wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und mit konventionellen und neuartigen Methoden angegangen. Vielleicht könnte ich auch sagen, effektiv und umweltfreundlich gelöst, doch will ich hier nicht zu viel verraten. In seinem Vorwort wünscht Prof. Haszprunar dem Buch viel Erfolg und großen Nutzen für die Leser. Dem kann ich mich nur anschließen, mit der Hoffnung auf viele Spenden an die Freunde der ZSM e.V. (Stichwort „Schnecken“)! Damit wir auch weiterhin erfolgreich sammeln, forschen, publizieren und kommunizieren können.

Herzlichen Gruß, Michael Schrödl (ZSM)

 

Meeresnacktschnecken auf Landgang

Da ist er also, Aiteng marefugitus, der erste Meeresnacktschneck an Land! Auf einer von tropischem Urwald bedeckten Insel im Palau Archipel fanden unsere japanischen Kollegen ein paar kleine seltsame Nacktschnecken. Sie erinnerten entfernt an heimische, „nackige“ Landlungenschnecken, tragen aber keine typisch länglichen Tentakel mit Stielaugen darauf.

Unsere anatomisch-histologischen und molekularen Daten (Kano et al. 2015) belegen, dass die neue, terrestrische Schneckenart zur Familie der Aitengidae gehört. Dies ist eine erst 2009 entdeckte Gruppe von Meeresschnecken (Acochlidien), die die Gezeitenzone als Lebensraum eroberte. Der Landgang erfolgte unseren molekularen Analysen nach direkt vom Meer über die Gezeitenzone ans Land. Also nicht, wie sonst bei Schalenschnecken üblich, über Süßgewässer als Übergangs-Lebensraum. Wie ihre marinen Vorfahren ernährt sich die neue Nacktscheckenart vermutlich von Eiern oder Puppen von Insekten oder auch von Eiern anderer Schnecken. Vor Wasserverlust ist sie in der feuchten Streu der Regenwälder geschützt. Aiteng marefugitus besitzt außerdem ein speziell ans Landleben angepasstes Exkretionssystem. Diese erste Land-Nacktschnecke ganz ohne Lunge absorbiert wohl ausreichend Sauerstoff über die Körperoberfläche.

Acochliden sind eine der morphologisch und ökologisch vielfältigsten Schneckengruppen, bei übersichtlicher Artenzahl. Deshalb haben wir sie vor Jahren als „Modellgruppe“ für intensivere, vergleichend anatomisch evolutionäre Forschung ausgewählt. Dass Acochlidien offensichtlich den Landgang schafften, überraschte selbst uns ein wenig.

KANO, Y., NEUSSER, T.P., FUKUMORI, H., JÖRGER, K.M. & SCHRÖDL, M. 2015. Sea-slug invasion of the land. Biological Journal of the Linnean Society 116: 253-259. (http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/bij.12578/abstract)

Lebender Aiteng marefugitus: Ein, wie der lateinische Name schon sagt, “aus dem Meer geflüchteter”, terrestrischer Nacktschneck mit marinen Vorfahren. Photos: Dr. Yasunori Kano, Tokyo University

Lebender Aiteng marefugitus: Ein, wie der lateinische Name schon sagt, “aus dem Meer geflüchteter”, terrestrischer Nacktschneck mit marinen Vorfahren.
Photos: Dr. Yasunori Kano, Tokyo University

Wir präsentieren das „Schwabe-Organ“

Neue Arten entdecken wir viele, aber auf vormals unbekannte Organe stößt man heutzutage auch bei Weichtieren selten. Noch dazu auf von außen gut sichtbare!

Aber der Reihe nach: Enrico Schwabe (Sektion Mollusca der ZSM) wunderte sich als Erster über die paarigen dunklen Streifen oder körnigen Flecken neben der Mundpartie von Käferschnecken. Genauer gesagt, der Mitglieder einer der beiden Hauptgruppen der Chitonen, den eher ursprünglich gebauten Lepidopleurida. Konnten das Verschmutzungen sein? Und wenn nicht, was war es dann? Und wieso wurde es Jahrhunderte lang übersehen?

The pallial sensory organs of Lepidopleurida. A., Position of the Schwabe organ in Leptochiton algesirensis, as observed by ES; B., Schematic drawing indicating the sensory organs in the Lepidopleurida (generalised). The lateral organs extend through most of the pallial cavity, as shown, and the branchial organs are at the base of every gill (examples shown in 1B). So, Schwabe organs, indicated with chevrons; lo, lateral organs; bo, branchial organs.  Sigwart et al. Frontiers in Zoology 2014 11:7  doi:10.1186/1742-9994-11-7

The pallial sensory organs of Lepidopleurida. A., Position of the Schwabe organ in Leptochiton algesirensis, as observed by ES; B., Schematic drawing indicating the sensory organs in the Lepidopleurida (generalised). The lateral organs extend through most of the pallial cavity, as shown, and the branchial organs are at the base of every gill (examples shown in 1B). So, Schwabe organs, indicated with chevrons; lo, lateral organs; bo, branchial organs. Sigwart et al. Frontiers in Zoology 2014 11:7 doi:10.1186/1742-9994-11-7

Im irisch-bayerischen Team um Dr. Julia Sigwart (Queens University Belfast) konnten wir kürzlich zeigen, dass es sich bei dem vermeintlichen „Schmutz“ um ein spezielles, pigmentiertes Gewebe handelt, das über zahlreiche Nerven mit einem der Hauptnervenstränge der Chitonen in Verbindung steht (Sigwart et al. 2014). Alles deutet nun auf ein Sinnesorgan hin. Eines, das es so bei Mollusken bisher nicht gab, und dessen Pigmente bei Lagerung in Alkohol ausbleichen. Fest steht, es ist zu etwas Nutze, sonst wäre es nicht bei allen Lepidopleurida ausgeprägt, vom Flachwasser bis in die Tiefsee. Doch welche Funktionen genau dahinter stecken, wissen wir noch nicht.

Bleibt zu erwähnen, dass die klare Mehrheit der Autoren das Schwabe-Organ gegen den Willen des Entdeckers nach ihm benannte.

SIGWART, J.D., SUMNER-ROONEY L.H., SCHWABE, E., HESS, M., BRENNAN, G. & SCHRÖDL, M. 2014. A new sensory organ in “primitive” molluscs (Polyplacophora: Lepidopleurida), and its context in the nervous system of chitons. Frontiers in Zoology 11: 7.

Auszeichnung für Doktoranden der Molluskensektion der ZSM

Wir gratulieren Vinicius Padula zum Preis für den besten Studentenvortrag der Unitas Malacologica!

Auf dem diesjährigen Weltkongreß der Molluskenforscher auf den Azoren zeigte Vinicius mit seinem Vortrag „A colorful question: the nudibranch Felimida clenchi species complex investigated through molecular markers“ (Padula et al. 2013) eindrucksvoll die Grenzen klassischer, auf äußeren Merkmalen basierender Artunterscheidung in einer Gruppe besonders prächtiger Meeresnacktschnecken auf.

3, 2 oder 1? Nach traditioneller Taxonomie sind dies Vertreter dreier verschiedener Felimida (früher Chromodoris) Arten. Molekularen Daten nach gehören sie jedoch zu einer einzigen, farbvariablen Art! Color morphotypes of the Felimida clenchi complex (formerly Chromodoris) traditionally assigned to three different species; according to molecular analyses, however, they belong to a single variable species.

Vinicius Padula ist ein brasilianischer Stipendiat („Ciência sem Fronteira“ Projekt), der als Doktorand an der LMU München seine Forschungen in der Arbeitsgruppe von PD Dr. M. Schrödl an der ZSM durchführt. Neben seinen Studien an Nudibranchiern (z.B. DaCosta et al. 2007) erforscht Vinicius zusammen mit Kollegen auch Schwämme, Plattwürmer und andere marine Wirbellose der brasilianischen Küste. Aufgrund ihrer Ergebnisse zu neuen und seltenen Arten wurde bereits ein kleiner, aber besonders artenreicher und gefährdeter Küstenstreifen bei Rio de Janeiro unter Schutz gestellt.

Preisverleihung auf dem Weltkongreß der Malakologie auf den Azoren, Juli 2013. Personen von links: Vinicius Padula (ZSM und LMU München), daneben Prof. António de Frias Martins, Präsident der Unitas Malacologica; rechts im Bild weitere Preisträger, zunächst Gregor Christa aus der AG Prof. Heike Wägele, Uni Bonn, und ganz rechts Andreas Hawe, ein weiterer Doktorand der LMU München, Arbeitsgruppe Prof. Gerhard Haszprunar.

Dies ist bereits das zweite Mal in Folge, dass ein Mitglied der AG Schrödl diese Auszeichnung des Weltverbandes der Malakologen gewann. Im Jahre 2010 in Phuket, Thailand, überzeugte Katharina Jörger mit ihrem Vortrag zum Ursprung und zur Systematik von mikroskopisch kleinen Meeresschneckchen (Acochlidien). Diese Studie (Jörger et al. 2010) hat unser Verständnis der Verwandtschaft euthyneurer Gastropoden, zu denen auch die meisten einheimischen Schnecken gehören, nachhaltig verändert. Diese Arbeiten beruhen auf Beiträgen mehrerer Autoren, und die Ehrungen gebühren dem gesamten Team. Allen Studenten, Kooperationspartnern und Freunden, die uns über Jahre hin mit Rat und Tat zur Seite standen, sei ganz herzlich gedankt!

PhD student of the Mollusca Section awarded

Congratulations to Vinicius Padula!

Just recently he received the award for the best student paper of the Unitas Malacologica, the world association of molluscan researchers, for his oral presentation ‘A colorful question: the nudibranch Felimida clenchi species complex investigated through molecular markers’ (Padula et al. 2013). Vinicius is a Brazilian PhD student, who came via a ‘Ciência sem Fronteira’ project to the LMU München, doing his research at the ZSM as part of the Schrödl lab. His research is focused on biodiversity of exuberantly colored Atlantic nudibranchs, with emphasis on potential species complexes and evaluation of color as an informative character for the taxonomy of this group.

During the last 10 years, Vinicius conducts with colleagues a marine biodiversity survey in a portion of Cabo Frio region, southeastern Brazil. This research resulted in the discovery of new species, including nudibranchs, flatworms and sponges, some of them potentially source of natural products with anti-tumoral activity (see video – only Portuguese: http://g1.globo.com/globo-news/noticia/2013/06/molusco-marinho-produz-toxina-que-pode-ajudar-no-combate-ao-cancer.html)

These discoveries were also fundamental to recently transform Praia das Conchas, a small beach area where most of the new species were found, in a marine protected area (photo gallery of some species from Praia das Conchas: http://oglobo.globo.com/rio/as-joias-ambientais-da-praia-das-conchas-7115759)

Felimare juliae (DaCosta, Padula & Schrödl 2010), a spectacular nudibranch species described by the Michi Schrödl lab.

This is the second time in a row that students of our lab won the ‘best student paper’ award. In 2010 at Phuket, Thailand, Katharina Jörger gave an impressive talk on the origin and evolution of microscopic acochlidian sea slugs, and her paper (Jörger et al. 2010) was game-changing regarding to euthyneuran gastropod systematics. These pieces of research benefitted from joint efforts of multiple authors, and honours include the entire team. A big ‘thank you’ to all our lab students, collaborators and friends providing materials and advice during the years!

Literature

DACOSTA, S., PADULA, V. & M. SCHRÖDL 2010. A new species of Hypselodoris and a redescription of Hypselodoris picta lajensis (Nudibranchia: Chromodorididae) from Brazil. The Veliger 51(1):15-25.

JÖRGER, K. M., STÖGER, I., KANO, Y., FUKUDA, H., KNEBELSBERGER, T. & M. SCHRÖDL. 2010. On the origin of Acochlidia and other enigmatic euthyneuran gastropods and implications for the systematics of Heterobranchia. BMC Evolutionary Biology 10: 323. doi:10.1186/1471-2148-10-323

PADULA, V., STÖGER, I., CAMACHO-GARCÍA, Y., BROWN, J., POURSANIDIS, D., Y., MALAQUIAS, M., CERVERA, J.L. & M. SCHRÖDL. 2013. A colorful question: the nudibranch ´Felimida clenchi species complex´ investigated through molecular markers. World Congress of Malacology, July 2013, Azores, Abstracts.

9 Wochen durch die „furious fifties“ – im Dienste der Tiefsee-Mollusken

Der Südliche (Antarktische) Ozean spielt eine entscheidende Rolle im globalen Kreislauf der Elemente, insbesondere von Kohlendioxid – und damit für das Weltklima. Im Frühjahr 2012 schaukelten wir 9 Wochen lang an Bord der FS Polarstern (Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven) im wilden Südatlantik und beprobten die dort unerforschte Tiefsee.

Als Teil des „Systco II“-Teams (geleitet von Prof. Dr. Angelika Brandt, Universität Hamburg) sammelte die Münchener Abordnung mithilfe von Netzen, Dredgen und so genannten Epibenthosschlitten allerlei seltsames Meeresgetier, meist aus etwa 4000m Tiefe. Unsere Spezialität sind die Mollusken. An Bord dokumentierten und fixierten wir bereits über 1000 solcher Weichtiere, weitere Funde erwarten wir in den noch unsortierten Proben. Momentan schätzen wir auf etwa 100 Arten aus den verschiedenen Klassen, unter ihnen sicherlich etliche bis dato unbeschriebene Arten.

Soeben ist auch die Polarstern wieder nach Bremerhaven zurückgekehrt, und mit ihr die wertvolle Ausbeute unserer Expedition. Die Mollusken werden nun an der ZSM nachsortiert. Anhand ihrer Morphologie, (Mikro-)Anatomie und molekularer Marker werden die Arten bestimmt – solch integrative taxonomische Arbeiten sind zeitintensiv.

Von einzelnen Proben versprechen wir uns wichtige Erkenntnisse zur Stammesgeschichte und Evolution der Mollusken (von der DFG gefördert). Zudem erhoffen wir uns Einblicke in ihre Anpassungen an den eiskalten Abyss. Als Gesamtheit verbessern diese Mollusken- Funde unser Verständnis der Diversität und Zusammensetzung der Faunen in der abyssalen Tiefsee (s. Schwabe et al. 2007, Schrödl et al. 2011), dem größten und am wenigsten bekannten Lebensraum des Planeten.

Wenig erfreulich, doch dringend nötig: dies sind allererste Vergleichsdaten für ein Monitoring, was der zu erwartende massive „Global Change“ im Laufe der Jahrzehnte sogar in der ansonsten noch weitgehend unberührten südlichen Tiefsee anrichten wird. Das Problem der Tiere dort: Kälter geht es nicht – wird es aber wärmer oder ändern sich die Lebensbedingungen, gibt es womöglich kein Entkommen und keine Zuflucht.

Literatur:
Schwabe, E., Bohn, J.M, Engl, W., Linse, K. & M. Schrödl. 2007. Rich and rare – first insights into species diversity and abundance of Antarctic abyssal Gastropoda (Mollusca). Deep Sea Research II 54: 1831-1847.

Schrödl, M., Bohn, J.M., Rolán, E., Brenke, N. & E. Schwabe (2011) Abundance, diversity and latitudinal gradients of southeastern Atlantic and Antarctic abyssal gastropods. Deep Sea Research II 58: 49-57.