Monthly Archives: March 2011

“Feinschmecker-Schnecken” aus der Tiefsee in 3D

Beschrieben wurden die ersten Arten bereits Ende des 19. Jahrhunderts, aber erst jetzt konnte ihre komplexe und außergewöhnliche Anatomie aufgeklärt werden: es geht um kleine, nur bis zu 8 mm lange Napfschnecken aus der Tiefsee (Familie Bathysciadiidae), die nahezu ausschließlich auf den Kiefern toter Tintenfische vorkommen und dieses ungewöhnliche Material (die Kiefer bestehen aus Chitin) auch noch als Nahrungsquelle nutzen.

Die soeben erschienenen Publikation (#1) basiert auf der Diplomarbeit von Frau Dipl. Biol. Heike Hartmann, die vom Direktor der ZSM, Prof. Dr. Gerhard Haszprunar und seinem Assistenten an der LMU München, PD Dr. Martin Heß, betreut und ausgebaut wurde. Um die genaue Anatomie der winzigen Schnecken sichtbar zu machen, wurden sie in hauchdünnen Schnitte zerlegt (0,002 mm dick, d.h. 500 Schnitte pro mm!) und dann mittels computer-gestützter 3D-Rekonstruktion dargestellt. Dabei zeigte sich, dass der Verdauungstrakt völlig vom üblichen Bauplan der Schnecken abweicht (Abb.). Vermutlich erfolgt die eigentliche Verdauung mit Hilfe von endosymbiotischen Bakterien, ähnlich wie es von Kühen bekannt ist. Die Details dazu liegen jedoch nach wie vor im Dunkeln.

Eine erst 2008 publizierte spezielle Visualisierungstechnik, für durch Dr. Bernhard Ruthensteiner ebenfalls aus unserem Hause kam (#2, #3: ), macht es nun möglich, dass jeder Leser der elektronischen Publikation selber Anatom spielen kann. Auf Mausklick öffnet sich ein interaktives Menü, über das Organsysteme einzeln oder kombiniert aufgerufen werden können. Jede Raumansicht ist dabei frei wählbar (siehe Abb.). “Die Zeit der Einzelabbildungen ist vorbei”, meint der Projektleiter Prof. Haszprunar, “die Zukunft der vergleichenden Anatomie und Morphologie ist interaktives 3D”.

Bathysciadium und ihre nahen Verwandten sind nicht die einzigen hochspezialisierten “Feinschmecker-Schnecken” in der Tiefsee. Andere Artengruppen verdauen so obskures Material wie Treibholz, Seegras-Wurzeln, Chitinröhren von Röhrenwürmern, Panzer von toten Tiefseekrabben oder von Seeschildkröten, leere Eihüllen von Haien und Rochen oder Fisch- und Walknochen. Einige leben auch im Bereich der erst 1977 entdeckten Tiefsee-Hydrothermalquellen. “Wir haben gerade erst begonnen, diese hochinteressanten und ökologisch wahrscheinlich immens wichtigen Formen zu erkennen und zu verstehen”, meint Prof. Haszprunar. Weitere Studien dazu laufen bereits.

Im Anhang finden Sie eine der entsprechenden Publikation entnommene 3D Ansicht der neu entdeckten Tiefsee-Napfschnecke Bathyaltum wareni. Ein PDF der Publikation senden wir auf Anfrage gerne zu.

Nähere Auskünfte erteilt:

Prof. Dr. Gerhard Haszprunar, Zoologische Staatssammlung, Münchhausenstr. 21, 81247 München, Tel. 089-8107-104; email: haszi@zsm.mwn.de

Literatur

#1: Hartmann H, Heß M, Haszprunar G (2010) Interactive 3D-anatomy and affinities of Bathysciadiidae (Gastropoda, Cocculinoidea), deep-sea limpets feeding on decaying cephalopod beaks. J. Morphol. 272(3): 259-279. (DOI: 10.1002/jmor.10910).

#2: Ruthensteiner B, Heß M (2008) Embedding 3D models of biological specimens in PDF publications. Microscopy Res. & Techn. 71: 778-786.

#3: Ruthensteiner B (2008) Soft Part 3D visualization by serial sectioning and computer reconstruction. In: Geiger D, Ruthensteiner B (eds): Micromolluscs: Methodological Challenges – Exiting Results. Zoosymposia 1: 63-100.

Festveranstaltung zum 200 jährigen Bestehen der Zoologischen Staatssammlung München

Prof. R. Melzer (ZSM) als Alexander von Humboldt

Prof. R. Melzer (ZSM) als Alexander von Humboldt

Die Zoologische Staatssammlung München (ZSM) besteht seit dem Jahr 1811, als die zoologisch-zootomische Sammlung aus der allgemeinen naturkundlichen Sammlung der bayerischen Akademie der Wissenschaften ausgegliedert wurde. Ihr erster “Konservator” (entspricht dem heutigen Direktor) war Johann Baptist Spix (1781 – 1826).

Schüler der Ritter-von-Spix-Schule (Höchstadt/Aisch)

Die Freunde der ZSM veranstalteten zum Auftakt des Jubiläumsjahres am 9. Februar 2011, dem 230. Geburtstag von Spix, eine große Festveranstaltung. Als historische Gäste dieses Festes traten Johann Wolfgang von Goethe, Alexander von Humboldt und der Naturphilosoph und Zoologe Lorenz Oken auf und erläuterten ihre Beziehungen zu Spix. In einem “Schwarzen Theater” wurde die Evolution künstlerisch dargestellt.

Schüler der Ritter-von-Spix-Schule in Höchstadt/Aisch sangen als Uraufführung zwei Lieder aus dem neuen Musical “Ritter von Spix, woher – wohin?” von Michael Ulbrich, dem Leiter der Schule.